Meinung | Manfred Stoffers über Spiel und Freiheit

Der Angriff der Intoleranten

Spiel gedeiht nur in einem Klima der Toleranz. Und wer sich aus der Branche auf die Seite der Intoleranten schlägt, sollte über einen Berufswechsel nachdenken. Merkur-Vorstand Manfred Stoffers nimmt kein Blatt vor den Mund.

Früher hat man Spieler offen moralisch verurteilt. Heute tut man es wissenschaftlich verbrämt. Man redet nicht mehr von „Sünde“, sondern von Krankheit, von „Pathologie“. Doch hinter der moderneren Sprache verbirgt sich oft noch dieselbe Haltung: Wer spielt, ist grundsätzlich und jederzeit verdächtig. Sein Verhalten wird nicht als Ausdruck von Freiheit gesehen, sondern als Abweichung von der Norm, im schlimmsten Fall als Störung mit Krankheitswert. Er wird nicht mehr als Subjekt eigener Entscheidungen gesehen, sondern als Objekt von Regulierung, Drangsalierung und Fürsorge.

Gegen leichtfertige Pathologisierung

Ich sage nicht, dass es keine krankhaften Formen des Spielens gibt. Selbstverständlich gibt es sie. Aber ich wende mich gegen eine pauschale Pathologisierung. Wer jeden Spieler als potenziell krank betrachtet, der nimmt ihm seine Würde und seine Autonomie. Und wer eine ganze Branche nur durch die vom Geifer-Atem beschlagene Brille der Prohibitionisten betrachtet, verliert den Blick für ihren kulturellen und gesellschaftlichen Wert. Denn Spielen ist nicht etwa ein Defekt im Betriebssystem Mensch. Spielen ist eine uralte Kulturtechnik. Spielen ist die spannungsvolle Begegnung mit dem Zufall.

German Überheblichkeit

Doch dieses Denken ist nicht nur ein Problem der Fachwelt. Es ist Teil eines größeren, typisch deutschen Phänomens, das man im Ausland mit Kopfschütteln beobachtet: die „German Überheblichkeit“, den „Teutonischen Hochmut”. Diese Haltung findet sich besonders in bildungsbürgerlichen Kreisen: Man meint, genau zu wissen, was für Andere gut ist. Und dass der Staat dafür zu sorgen habe, dass die Menschen auch das Richtige tun. Gleichzeitig aber, wenn der Staat in die eigenen Angelegenheiten hinein regiert, heißt es sofort: „Das geht zu weit!” Da läuft die Doppelmoral zur Höchstleistung auf. Das ist der eigentliche Widerspruch, der auch das Glücksspiel betrifft: Freiheit für sich – Regulierung für die anderen. Diese Haltung ist gefährlich, weil sie am Ende jede Form von Eigenverantwortung untergräbt. Damit ist sie im tiefsten Sinne antidemokratisch. Denn sie ersetzt Toleranz durch moralische Hegemonie, durch die Herrschaft einer selbst ernannten Elite. Dort hat das Glücksspiel, das Spiel mit dem Zufall keinen legitimen Platz mehr.

Spielen ist legitim

Doch genau diese Selbstverständlichkeit gerät zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Denn Spiel braucht im wahrsten Sinne des Wortes einen Spiel-Raum und dieser Raum heißt Freiheit. Allerdings existiert diese Form von Freiheit nicht im luftleeren Raum. Sie braucht ein gesellschaftliches Klima, das Toleranz zum Prinzip erhebt. Sie ist das Einverständnis mit der Tatsache, dass der andere anders ist – und dass er das Recht hat, es zu bleiben. Für den Spieler bedeutet das: Er muss darauf vertrauen können, dass sein Spiel nicht moralisch verurteilt, sondern als legitime Form von Freizeit und Selbstausdruck anerkannt wird.

Branche lebt von Vielfalt

Für uns als Anbieter heißt das: Unser Geschäft gründet nicht nur auf Lizenzen und Regularien, sondern auf einer Kultur der Toleranz und der Freiheit. Unsere Branche lebt von der Freiheit, von Vielfalt und von einer Gesellschaft, die das Unberechenbare aushält. Je intoleranter eine Gesellschaft wird, desto kleiner wird der Spiel-Raum – im wahrsten Sinne des Wortes.

Ton wird rauer

Schauen wir uns um: In Deutschland erleben wir, wie der Ton in der Politik und anderswo rauer wird. Wie Intoleranz, Abschottung und moralischer Rigorismus mehr an Boden gewinnen. Mit dem Aufstieg der Populisten an den Rändern des Parteienspektrums wird eine politische Strömung stärker, die Vielfalt nicht als Stärke, sondern als Bedrohung sieht. Sie will definieren, was „normal“ ist. Und wer sich außerhalb dieser Norm bewegt – sei es in seiner Religion, seiner Lebensweise oder seinem Freizeitleben – gerät ins Visier dieser Intoleranz. Die Populisten stehen für die eine Seite der Medaille. Auf der anderen sehen wir sendungsbewusste, dogmatische Moralisten, die anderen ihren Lebensstil aufdrängen, sei es bei der Ernährung, bei der Art, wie wir uns fortbewegen oder wie wir unsere Freizeit verbringen.

Schleichendes Gift

Die Rhetorik der Intoleranz wirkt schleichend: Sie vergiftet die öffentliche Diskussion, unterstellt jedem Abweichler ein „Zuviel“ an Eigenart und schürt Misstrauen gegen alles, was sich nicht normieren lässt – also auch gegen das Glücksspiel. Denn Glücksspiel steht für das, was autoritäre und von Sendungsbewusstsein gespeiste Weltbilder am wenigsten ertragen: Unberechenbarkeit, Ambivalenz, Selbstbestimmung. Eine Gesellschaft, die Vielfalt und Risiko ächtet, wird am Ende auch das Spiel ächten.

Glücksspiel als Freiheitsprobe

Glücksspiel ist kein Zeichen persönlicher Schwäche, es ist eine Form von Freiheit. Hier prüft die Freiheit, ob man es wirklich ernst mit ihr meint. Der Spieler vertraut auf den Zufall im Spiel, ohne sich ihm willenlos auszuliefern. Er weiß: Kontrolle ist eine Illusion – aber das Wagnis ist eine Wahl. Er weiß: Erfolg und Scheitern liegen dicht beieinander – wie im Leben selbst. Der Spieler vertraut darauf, dass er nicht alles beherrschen muss, um trotzdem glücklich zu sein. Wenn wir anfangen, das Spiel zu vermiesen oder gar zu verbieten, dann verlieren wir mehr als nur ein paar Spielhallen — wir verlieren Freiheit.

Toleranz entscheidet

Darum gilt: Nur in einer freien, toleranten Gesellschaft hat das Glücksspiel eine Zukunft. Als Branche haben wir nur eine Chance, wenn wir der Intoleranz mutig begegnen. Das können wir an der Wahlurne tun, aber auch jeden Tag im Beruf, in der Familie, im Freundeskreis. Mit der Toleranz ist es manchmal sehr vertrackt: Wir fordern sie für uns und für das, was wir tun. Aber wenn andere anders sind, anderes glauben, anders leben und anders lieben, dann liegen uns schnell abwertende (Vor-)Urteile auf der Zunge. Aber vergessen wir nicht: So wie andere für uns anders sind, sind wir für andere anders.
Und selbst wenn wir es nur wirtschaftlich betrachten: Als Automatenunternehmer können wir uns jede Form der Ausgrenzung schlicht nicht leisten – es sei denn, wir wollen auf einen großen Teil unserer Kunden verzichten. Unsere Kundschaft spiegelt die Vielfalt der Gesellschaft in ihrer Breite wider – sei es in der Hautfarbe, der Religion oder dem Lebensstil. Also: Wenn Sie sich als Automatenunternehmer trotzdem auf die Seite der Intoleranten schlagen wollen, denken Sie am besten auch über einen Berufswechsel nach oder gewöhnen Sie sich an den Gedanken, über kurz oder lang Pleite zu gehen.