Stefan Dreizehnter

Viel Weisheit

Es ist ein sehr schwacher Trost, dass auch in den sonst so liberalen Niederlanden der Politik beim Glücksspiel meistens Restriktion einfällt, wenn es doch eigentlich um Regulierung gehen sollte. Nach dem Motto „Viel Verbot ist viel Spielerschutz“ wird auch da immer wieder eine alte Denke aus der Mottenkiste geholt.

Das sieht dann konkret so aus: Die neue Regierungskoalition in den Niederlanden will die Zahl der Online-Spiel-Lizenzen begrenzen. Das ist etwas überraschend. Denn auf die Idee ist die deutsche Politik gegen alle Warnungen auch schon mal bei den Sportwett-Lizenzen gekommen. Dafür gab es eine so heftige europarechtliche Klatsche, die müsste eigentlich auch in den Niederlanden gehört worden sein. Aber dem ist offensichtlich nicht so.

Allerdings beginnt an dieser Stelle der Unterschied zu Deutschland. Denn dort sind es nicht nur die Branchenjuristen, die davor warnen. Für uns nur sehr schwer vorstellbar, meldet sich Michel Groothuizen, der Chef der niederländischen Kontrollbehörde KSA, öffentlich zu Wort. Ob er sich daran erinnert, dass in Deutschland ein solches Unterfangen mit Pauken und Trompeten untergegangen ist, ist nicht bekannt. Jedenfalls ist es für ihn weder juristisch logisch und nachvollziehbar noch im Sinne des Spielerschutzes, die Zahl der legalen Anbieter so drastisch zu beschränken, schreibt er den Politikern ins Stammbuch. Entweder man verbiete das Spiel. Oder man müsse alle zulassen, die sich an die Regeln halten. Darum ging es auch schon in Deutschland. Wenn man fünf zulässt, darf man den sechsten nicht diskriminieren, wie es im europäischen Jargon heißt.

Und weil er gerade schon dabei ist, hält Groothuizen es nicht für die beste Idee, radikale Werbebeschränkungen für das Spiel zu verhängen, wie das geplant ist. Denn nur die Legalen halten sich daran, ist er überzeugt. Mit dem Ergebnis, dass Spieler und Jugendliche vor allem in den sozialen Netzwerken nur noch die Werbung der illegalen Anbieter finden – und zu ihnen geleitet werden. Ob das der Sinn der Regulierung ist, stellt er infrage.

Und das ist schon bemerkenswert, dass die niederländische Kontrollbehörde KSA in diese Diskussion einsteigt – und dann auch noch quer zu den Plänen der kommenden Regierung. Von der Sache her ist das keine Frage. Denn schließlich sitzt auch da Expertise, die in einer seriösen Debatte ernst genommen werden muss. Aber Hand aufs Herz: Kann sich in Deutschland derzeit jemand vorstellen, dass unsere GGL auf die Art und Weise in eine solche Debatte eingreift? Eher nicht – und das ist sehr bedauerlich. Wie befreiend konstruktiv wäre es, die GGL könnte sich auch mal zu „Anmerkungen“ gegenüber der Politik entschließen. Die müssten ja nicht gleich „kritisch“ sein. Die Expertise dafür hat die GGL zweifellos. Und an ihren Absichten besteht kein Zweifel. Schließlich gibt es auch bei der GGL – wie es die KSA für sich ausdrückt – „bezüglich der Hauptziele, schutzbedürftige Personen zu schützen […] keine Differenz zwischen den Zielen der Politik und denen der Regulierungsbehörde“. Wie man die erreichen kann, aber schon.

Zugegeben: Wenn KSA-Chef Michel Groothuizen der Politik „viel Weisheit in der Glücksspiel-Frage“ wünscht, darf man einen Hauch resignativer Ironie herauslesen, wenn man denn will. Vielleicht ist das aus deutscher Perspektive ein Schuss zu viel niederländischer Liberalität. Aber ganz im Ernst: Das ist auch unser Wunsch. Und wir wissen genau: Wir sind damit nicht alleine.

Stefan Dreizehnter, Herausgeber games & business
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