Stefan Dreizehnter

Ein blinder Spiegel

Alle zwei Jahre wieder kommt der ISD-Glücksspiel-Survey, der die Situation an der Front des problematischen Spiels messen und bewerten soll. Was über viele Jahre die ehemalige Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gemacht hat, versuchte vor fünf Jahren das Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung (ISD) und die Arbeitseinheit Glücksspielforschung der Universität Bremen zu übernehmen – wissenschaftlich nicht unumstritten, wie man inzwischen weiß.

Die blanken Zahlen zuerst. Menschen mit Problemen beim Spiel in unterschiedlichen Ausprägungen gibt es nach dem ISD-Survey aus Bremen angeblich eine gute Million. Das scheint ein großer Sprung gegenüber den ehemaligen Zahlen der BZgA zu sein, der aber vor allem auf einem veränderten Studiendesign beruht. Beim echten Vergleich gibt es den Sprung nicht, wie der Forsa-Survey im vergangenen Jahr zeigte. Forsa arbeitete auf Basis der BZgA-Erhebung und stellte fest, dass deren Zahlen noch immer unverändert zu finden sind. Anders als das in Schlagzeilen immer aussieht, sind die Probleme mit dem Spiel also nicht exponentiell gestiegen – sondern überhaupt nicht, wie Forsa zeigen konnte.

Wenn wir über „Spielsucht“ reden, dann haben wir es also nicht mit einem galoppierenden Suchtproblem zu tun, das sich ständig vergrößert. Es ist ein Problem, das ernstzunehmen ist und nicht unterschätzt werden darf. Man darf aber auch nicht die Menschen unterschätzen, die es bewältigen. Die Behandlungszahlen bei der Suchthilfe gehen zurück. Dafür haben sich rund 300.000 Personen in der bundesweiten und spielformübergreifenden Sperrdatei temporär sperren lassen. Offensichtlich sind die Menschen zum größten Teil in der Lage, das Problem zu erkennen und selbstbestimmt als mündige Erwachsene zu lösen. Erzieher werden nicht gebraucht.

Auch als Grundlage für politische Maßnahmen ist der ISD-Survey nicht geeignet. Das jedenfalls sagt erneut Deutschlands Top-Statistikerin Dr. Katharina Schüller, die die Studie von Beginn an kritisch unter die Lupe nahm. Ihre Methoden-Kritik konnte bisher nicht ausgeräumt werden. Deswegen taugen nach ihrer wissenschaftlichen Einschätzung auch die neuen Zahlen des ISD-Survey nicht als Grundlage für politische Handlungsempfehlungen. Sie sind nicht belastbar. Der Survey ist ein blinder Spiegel.

Politisch wäre die Verwendung auch aus einem anderen Grund fatal. Bewegten sich die BZgA-Surveys bis vor Corona in einem Umfeld des weitgehend legalen Spiels, haben sich diese Voraussetzungen dramatisch verändert. Über Geldspiel, Online-Automaten-Spiel und auch Sportwetten hinweg gehen Experten inzwischen von einem illegalen Anteil zwischen 30 und 70 Prozent aus. Der aktuelle Survey spiegelt auch das nicht. Wäre er Anlass für weitere Restriktionen, würden diese nur das legale Spiel treffen. Dessen staatlicher Auftrag, das Spiel in geschützten Bahnen zu halten, wäre noch schwerer zu erfüllen.

Bleibt die Frage, ob ein solcher Survey überhaupt noch der richtige Ansatz ist. Statt mit hochumstrittener Methodik alte Klischees aufzuwärmen, wäre es doch der modernere und sinnvollere Weg, im Zusammenspiel von Politik, Wissenschaft, Anbietern und Spielgästen die Parameter für ein kundengerechtes, legales Spiel zu entwickeln – mit regelmäßiger Evaluierung, ob es für die Menschen noch zeitgemäß ist.

Stefan Dreizehnter, Herausgeber games & business
dreizehnter@gamesundbusiness.de